Gesundheit, Medizin

Gesunde Küche – auch für Menschen mit Querschnittlähmung

Die Themen Ernährung und Verdauung beschäftigen Menschen mit Querschnittlähmung ein Leben lang! Essgewohnheiten, Lebensumstände und die Lebensmittelauswahl sind nur einige wichtige Einflussgrößen, die den Betroffenen häufig nicht ausreichend bekannt und bewusst sind.

Daher ist es ein Ziel der Manfred-Sauer-Stiftung, sich mit dem Beratungszentrum für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter diesem Thema zu widmen. Ein Beitrag hierzu sind die beiden nun vorliegenden Bücher QUERSCHNITT ERNÄHRUNG und QUERSCHNITT KOCHEN. Somit sind im deutschsprachigen Raum erstmals zwei Bücher erschienen, die sich im speziellen mit der Ernährung von Menschen mit Querschnittlähmung befassen.

Die Autorinnen Veronika Geng und Claudia Hess haben ihr umfangreiches Wissen aus der jahrelangen Beratung von Para- und Tetraplegikern zu den Themen Ernährung und Verdauung zusammengetragen und mit zahlreichen Grafiken und Fotos in dem Band „Querschnitt Ernährung“ aufbereitet. In dem Buch findet sich das Ernährungskonzept für eine ausgewogene und gesunde Ernährung für Menschen mit Querschnittlähmung. Die Autorinnen haben umfassende Hintergrundinfos zum Energie- und Nährstoffbedarf von Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern sowie wertvolle Tipps und Tricks für das Kochen zusammengestellt. Auch die speziellen Hilfsmittel sowie die barrierefreie Kücheneinrichtung dürfen da nicht fehlen.

Natürlich darf es nicht allein bei der Theorie bleiben. Gemeinsam mit dem Koch Wolf Schönmehl, der bereits am Heidelberger Schloss Restaurant den Schneebesen schwang, entstanden genau solche Rezepte, die den Genuss perfekt machen. Das hochwertig gestaltete Kochbuch „Querschnitt Kochen“ präsentiert 150 Rezepte. Alle Gerichte wurden von der Köchin der Manfred-Sauer-Stiftung Melanie Hömme-Gilliar gekocht und durch die Fotografien von Sabine Kress dargestellt. Der Anspruch für alle Gerichte: unkomplizierte Zubereitung, wertige Zusammensetzung der Nährstoffe, dabei kalorienbewusst und schmackhaft. So ist Kochen keine Hexerei.

Der gebratene Zander auf Mangold verträgt sich überraschend gut mit Haferkleie, die göttlichen Heidelbeerpfannkuchen kommen unter Einsatz von Dinkelmehl und Chiasamen daher und das rheinische Gericht „Himmel und Erde“ harmoniert perfekt mit verdauungsfördernden Leinsamen.

Ansprechpartner:
Veronika Geng
Tel. 06226 / 960 2530
Veronika.Geng@msstiftung.de

Sachbuch „Querschnitt Ernährung“; gebunden; 128 Seiten

Kochbuch „Querschnitt Kochen“; gebunden; 248 Seiten

Durch die Förderung der Manfred-Sauer-Stiftung erhalten Sie beide Bände zusammen zum Preis von 15,- Euro inkl. Mwst., zzgl. Versandkosten

Weitere Informationen gibt es in diesem Flyer.

Erfahrungen mit dem suprapubischem Katheter

Bericht über Probleme eines langjährigen Querschnittlers (61 Jahre Rolli)

(von Erich Flieszar)

Mehrere Jahrzehnte hatte ich weder mit dem Stuhlgang noch mit dem Urinieren Probleme. Vor ca. 10 Jahren konnte ich die Blase nicht mehr 100%ig entleeren und musste mit dem Katheterisieren beginnen. Damit begannen die Harnwegsinfektionen. Am Anfang wirkten die Antibiotika, die Wirkung ließ jedoch mit der Zeit nach. Die Schwierigkeiten nahmen stark zu.

Anfang dieses Jahres bekam ich einen Bauchkatheter. Jetzt habe ich keine Harnwegsinfektionen mehr (bis jetzt! Abwarten!). Das Setzen des suprapubischen Katheters war problemlos. Ich wurde am nächsten Tag aus dem Krankenhaus mit einer Liste ohne Bestellnummern für Beinbeutel usw. entlassen.

Auch der Bandagist verlangte ein Rezept mit Nummern. Nach Anfragen bei verschiedenen Stellen bekam ich auch unterschiedliche Empfehlungen (sogar den Beinbeutel mit Wasser spülen und wieder verwenden)!

Bei mir hat sich ein zweimaliges Wechseln des Beinbeutels pro Woche und gleichzeitiges Spülen des Bauchkatheters mit Natriumchlorid (NaCl) bewährt.

Ich verwende:

  • diverses Reinigungsmaterial
  • Beinbeutel: Coloplast-Contone Conveen 051770   800 ml
  • Zum Befestigen: Deluxe LEG Bug Strap 9660 (zahlt die Krankenkasse nicht).

Die schmalen Bänder verwende ich nur zur Schlauchbefestigung am Oberschenkel.

Katheterwechsel alle 3 Monate.

 VQÖ-Vorstandsmitglied, Dr. Gabriele Kirchmair - Ärztin im Rollstuhl - kommentiert aus medizinischer Sicht
Zur Blasenentleerung bei Querschnittslähmung mit neurogener Blasen- und Darmentleerungsstörung ist der State of the art: der intermittierende Selbsttkatheterismus. Falls es zwischen den Entleerungen zu Inkontinenz kommt gibt es die Möglichkeit für Männer zusätzlich ein Condomurinal zu tragen. Weiters kann mit Infiltrationen von BOTOX (bei spastischer Blasenlähmung) der Blasenmuskel so "beruhigt" werden, dass die Inkontinenz dadurch verhindert wird.
Bei Menschen die sich selbst nicht kathetern können und auch sonst niemand das übernehmen kann ist die Suprapubische Harnableitung eine sinnvolle Alternative. Ein Dauerkatheter ist keine gute Lösung und sollte unbedingt vermieden werden. Bei stationären Aufenthalten wird das sehr gerne dem querschnittgelähmten Patienten "angeboten", weil es für die Pflege einfach ist. Damit sind aber Komplikationen wie ein Harnwegsinfekt oder Hautschäden vorprogrammiert. Bei guter Pflege, regelmäßigem Wechsel des Suprapubischen Katheters und Infektprophylaxe ist die Suprapubische Harnbleitung eine gute Lösung. Natürlich gibt es auch operative Möglichkeiten, z. Bsp. die Harnableitung über ein Nabelstoma. Diese Variante bedeutet aber einen operativen Eingriff und ist nicht für jeden geeignet.
Frau Dr. Kirchmair steht unter der Mailadresse gabikirchmair@aol.de für Rückfragen zur Verfügung.

 

Autorenportrait Erich Flieszar  

Geb. am 8. Jänner 1938 in Wr. Neustadt

Nach Abschluss der Lehre zum Fernseh-Audio- und Videotechniker Motorradunfall und Querschnittlähmung ab 7. Brustwirbel

Rehabilitation in Tobelbad bei Albert Wöhrer, dem "besten Trainer" (Zitat Erich Flieszar)

Nach abgeschlossener Rehabilitation Einstieg ins Berufsleben, neben der Arbeit Fernstudium als HTL-Fernsehtechniker, danach Meisterprüfung

Insgesamt 40 Jahre im Arbeitsprozess, ab 1972 Geschäftsführer mit 26 Beschäftigten

1964: Hochzeit mit Isolde Brauner. Die "alten" Querschnittler wissen, das ist die Schwester von Friedl Brauner, ebenfalls ein Rollstuhlfahrer der ersten Generation.

1957: Gründungsmitglied beim Verband der Querschnittgelähmten, Mitarbeit als Sportreferent

1963: Organisation des 1. Sportfestes unseres Verbandes außerhalb von Tobelbad

Erfolgreicher Sportler: 7 Weltmeistertitel, Medaillengewinner bei Paralympischen Spielen, Spezialdisziplin: Schwimmen und Tischtennis

 Erich Flieszar
Erich Flieszar ist für Rückfragen unter der Telefonnummer 02612 45412 erreichbar  

 

Bewegen, bewegen, bewegen, bewegen,....

(von Dr. Gabriele Kirchmair)

Gilt das auch für uns Rollifahrer? Wir bewegen uns doch eh ständig, Transfers, Auto raus und rein, rollstuhlfahren… Ist das nicht genug? Denn müde macht es uns, also reicht es doch, ODER?

In jeder Zeitschrift taucht immer wieder das Thema: Bewegung auf. Wir sollen uns mehr bewegen, nicht den Aufzug sondern die Treppe benutzen, laufen und und und.

Wie machen wir Rollifahrer das? Nachdem uns der Alltag mit all seinen „Bewegungen“ schon so ermüdet, ist die Bereitschaft eher gering sich noch zusätzlich „gesund“ zu bewegen.

Natürlich gibt es die Ausnahmen, wie Sportler, die täglich trainieren. Im Breitensport ist das oft einseitig, auf Ausgleichsbewegungen wird häufig vergessen ebenso auf Dehnen und Aufwärmen.

Beim letzten ESCIF Kongress im Mai in Wien stellte uns Dr. Christoph Etzlstorfer Grundlagen (Anatomie der Schultergelenke, Anpassung der Herzfrequenz bei Belastung bei den unterschiedlichen Lähmungshöhen uvm.) und Ideen zur Fitness und vor allem zur Verbesserung derselben von Rollstuhlfahrern vor: was bringt uns regelmäßiges Bewegen? Ausdauertraining, Krafttraining?

Letztes Jahr im Juni hab ich mir bei einem Transfer in eine Badewanne in einem vermeintlich „barrierefreien“ Hotel in Deutschland den rechten Unterschenkel gebrochen. Im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt war ich noch 10 Tage im Rehazentrum Bad Häring. Dort war ich jeden Tag mehrmals in der Kraftkammer. Natürlich hab ich die Geräte schon gekannt und jedes Mal, wenn ich in Häring im Rahmen der Mittwochsrunde dort war, auch fleißig benutzt. Aber durch das tägliche Training merkte ich schnell eine Verbesserung meiner Kondition und Ausdauer. Zu Hause überlegte ich lange, wie ich mit dem Training fortfahren könnte. Das RZ ist für ein mehrmals wöchentliches Training zu weit weg. Also machte ich mich bei Sportlern schlau, um zu erfahren, wie sie trainieren. Christoph hat mir ein Handkurbelergometer der FA Ergosana vorgeschlagen. Und das war genau das, was ich wollte: ein Gerät, das im Wintergarten/Wohnzimmer das ganze Jahr stehen kann; das ich ohne Überwechseln jederzeit benutzen kann, das meine Herzfrequenz misst und und und. Ja und seitdem ich diesen Hometrainer für Rollifahrer habe, radle ich 3x die Woche, 30 Minuten und länger. Egal wie das Wetter ist, wie kalt oder warm es ist, ich radle mich ein 5- 10 Minuten, steigere dann die Wattzahl und radle weiter, immer die Herzfrequenz im Auge. Der ideale Zeitpunkt ist für mich in der Früh.

Was hat sich seitdem für mich geändert? Ich fühle mich rundherum wohler. Wenn ich mal schneller mit dem Rolli düse, klopft das Herz nicht mehr bis zum Hals, ich bin kräftiger geworden (auf Muskelzuwachs versuche ich nicht gezielt zu trainieren, mir geht es mehr um die Ausdauer) und Transfers auch in hohe Autos sind wieder easy für mich (Paraplegie Th 12) durchzuführen. Ich hab seitdem ich regelmäßig trainiere KEINEN INFEKT mehr gehabt, weder HWI noch einen sonstigen Infekt. Und nach dem Training bin ich super drauf. Das Radfahren im Freien werde ich nächstes Jahr wieder starten, aber nur mit einem E- Bike, um Belastungen und Überanstrengungen vor allem für die Halswirbelsäule zu vermeiden.

TV-Sendung "Paula kommt" zum Thema "Sex mit Behinderung"
Der TV-Sender Sixx sendet wöchentlich im Spätabendprogramm die Sendung "Paula kommt", die sich mit allen Facetten der Sexualität auseinandersetzt. Im Oktober 2016 gab es eine Sendung mit dem Titel
"Sex mit Behinderung",
in der David und Lisa sehr offen über ihr Sexualleben als Behinderte sprechen.
Wir wollen es unseren Besuchern überlassen, selbst zu entscheiden, ob es erfreulich ist, dass endlich auch in diesem tabuisierten Bereich die Dinge offen beim Namen genannt werden oder ob der Sender nur mit verbaler Pornographie auf Einschaltquoten abzielt.
Der Hauptteil besteht aus einem Gespräch, das die Moderatorin Paula mit David und Lisa führt.
Einige Textpassagen sind hier abgedruckt.
Daneben gibt es noch Diskussionen von drei jungen Männern über deren Verhalten bei plötzlich auftretenden Potenzproblemen und sogenannte Strassenbefragungen, wie sich Menschen verhalten würden, wenn ihr Partner nach einem Unfall größere körperliche Probleme hätte.

 

Die Moderatorin Paula Die behinderten Gäste Lisa und David

 

David ist nach einem Unfall querschnittgelähmt und Rollstuhl-Skater. Beim Rollstuhl-Skaten ist David mittlerweile einer der besten der Welt, nimmt sehr erfolgreich an Weltmeisterschaften teil. Bei einem Workshop für andere Rollstuhlfahrer hat er Lisa kennen und lieben gelernt. David stürzte in einen Schacht - Wirbelbruch. Während seiner Rehabilitation macht er mit den Paralympics und dem Behindertensport Bekanntschaft. "Die Typen da im Rollstuhl, die machen echt coole Sachen". Am schlimmsten war die Hilfsbedürftigkeit. "Der Rollstuhl hat dafür gesorgt, dass ich aus dem Scheißbett herausgekommen bin." Er lernte, im Rollstuhl Treppen runterzufahren und hochzuklettern. "Dann bist du ja gar nicht so eingeschränkt im Rollstuhl!" Sein Leben hat sich drastisch verändert, als Fußgänger wäre er nie in seinem Leben als Skater nach Kalifornien gekommen.

Bei Lisa war es Spina bifida, ein offener Rücken. Sie konnte noch bis zum 14. Lebensjahr laufen ("nicht so supertoll, aber es ging halt"). Heute im Rollstuhl ist es für Lisa wichtig, die Hände frei zu haben.

Trotz ihrer Behinderung haben David uns Lisa miteinander den besten Sex ihres Lebens.
Paula: "Wie würdet Ihr Euer Sexleben grundsätzlich beschreiben?"
Lisa: "Hammergeil!"
David: "Experimentierfreudig.
Lisa: "Und auf jeden Fall auch der beste Sex unseres Lebens."

Paula trifft Lisa (28, Psychologin) und David (30, Rehafachberater) in einen Skateshop. Die beiden haben sich beim Skaten kennengelernt.

Lisa und David im sogenannten Quickietalk:

Paula: Eure Lieblingsstellung?
Lisa: Ich oben.
David: Ich unten

Paula: Euer erstes Mal?
Lisa: Scheiße

Paula: der perfekte Tag?
David: Kaffe, Sonne, Skatepark
Lisa: Ficken
David: ... und Bierchen


Hier noch einige Textpassagen aus dem Gespräch

Paula: "In den Köpfen der Leute ist ja immer noch Behinderung und Sexualität ein totales Tabu. Also: Wer im Rollstuhl sitzt, hat eigentlich auf gar keinem Fall mehr Sex. Geht nicht, ist irgendwie komisch."
David: "Es gibt Sextherapeuten für Menschen mit Behinderung. In der Reha: Über Sex reden wir hier nicht. Aber dass halt da unten der Freund nicht mehr so funktioniert, war für mich als 22-Jähriger das größere Problem als nicht mehr laufen zu können."

David: "Jeder kennt Viagra, hab ich probiert - Kopfschmerzen. Dann ging's wieder, die kleinste Dosis hab ich halbiert, reichte aus."
Lisa: "Dann kam ich!"

Paula: "Hattest du Angst, dass Erektion nie wieder kommt."
David: "Auf jeden Fall, das war meine größte Sorge. Dass Sex vorbei ist, dass ich mein Sexleben vergessen kann."

Paula: "Spürst du deinen Penis?"
David: "Anders als vorher. Von der Sensibilität ist nicht mehr alles da."

Paula: "Warst du manchmal frustriert?"
David: "Mit Sicherheit."

Paula: "Was funktioniert denn bei eurem Sex gut und was funktioniert eher weniger?"
David: "Man kann jetzt nicht mehr jede Stellung irgendwie machen. Man kann halt kreativ an die Sache rangehen und Sachen ausprobieren."
Paula: "Zum Beispiel, welche?"
David: "Ob ich mich auch mal irgendwie nach oben begeben kann."
Lisa: "Er muss sich ja vorne irgendwie festhalten, kann sich nicht direkt abstützen. Das ist ein bisschen schwierig."
Paula: "Was ist so die Stellung, die am besten für euch funktioniert?"
David: "Wenn ich liege und Lisa auf mir sitzt."
Lisa: "Weil ich ja ein bisschen fitter bin. Ich kann mich gut hinknien und dann passt das eigentlich ganz gut."

Paula: "Blowjob merkst du aber!"
David: "Ja, ist halt auch anders."
Paula: "Ist das so wie mit sehr sehr vielen Kondomen drüber?"
David: "Ja, vielleicht so, ja, wie abgedämpft, der Blowjob bleibt ein gutes Werkzeug."

Paula: "Wie ist es für dich, die Aktive zu sein?"
Lisa: "Ja, das war vorher eher nicht so und das war schon ein bisschen Umstellung für mich. Ich dachte, hier so liegen, das ist irgendwie entspannter."

Paula: "Wie sensibel bist du im Genitalbereich?"
Lisa: "Bei mir ist es ja so, ich hab keinen Vergleich vorher - nachher."
Paula: "Hattest du Orgasmen früher?"
Lisa: "Nie, weder zu zweit noch alleine."
Paula: "Wie schaffst es David denn, dich zum Orgasmus zu bringen? Hat er bestimmte Techniken oder ist es einfach, weil du dich entspannt hast?"
Lisa: "Sowohl als auch - würde ich sagen. Er sagt zwar immer, das ist vor allem seine Fingerfertigkeit."
Paula: "Hast du eine bestimmte Technik? Was ist das Geheimnis deiner Hände?"
David: "Einmal der Daumen."
Paula: "Was macht der Daumen?"
David: "Wenn man mit den Fingern nur so ganz komisch rankommt, dann ist der Daumen einfach besser."
Paula: "Wo legst du den Daumen hin?"
David: "Der kommt rein"

Paula: "Wie wichtig ist es für euch, das Thema Leben mit Behinderung und vor allem Sex mit Behinderung zu enttabuisieren?"
David: "Schon eines unserer Ziele."
Paula: "Was macht ihr alles dafür?"
Lisa: "Wir ficken."
David: "Offen darüber reden."

Paula: "Was für Wünsche habt ihr, eure Partnerschaft betreffend?"
Lisa: "Das es so bleibt."

 

 

Paula zu Abschied: "Sehr sehr schön, dass ihr da wart. Ihr wart ganz tolle Gäste. Ich hab sehr viel gelernt und ich freue mich, dass ihr so guten Sex habt."
Lisa und David: "Wir freuen uns auch."

Paulas Abschlussstatement: "Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie Menschen mit körperlichen Einschränkungen sich von gar nichts abhalten lassen. Und ich finde es großartig, wie David und Lisa für das Thema starkmachen. Sex mit Behinderung wird ja fast nie besprochen und ich bin sehr sehr glücklich, dass die beiden uns einen so offenen und interessanten Einblick in ihr Leben gewährt haben. Das zeigt mal wieder, fantastischer Sex bedeutet nicht unbedingt, dass die primären Geschlechtsorgane zum Einsatz kommen, erforscht doch einfach mal auch den Rest."

Die Sendung kann bei SIXX.DE angesehen werden.

LoFric aktuell: Gespräch mit Dr. Thomas Jud

In der Sonderausgabe LoFric aktuell aus dem Jahr 2016 wurde in der Reihe "Menschen, die Mut machen" ein Interview mit Dr. Thomas Jud zum Thema "Rehabilitation" abgedruckt. Wir geben diesen Text mit freundlicher Genehmigung von LoFric hier wider:

Unterstützung bei der Neuorientierung

Dr. Thomas Jud ist Facharzt für Urologie und arbeitet seit vier Jahren im Rehabilitationszentrum in Häring in Tirol. Davor war er an der Neuro-Urologischen Ambulanz der Klinik Innsbruck tätig, wo er sich auf Neuro-Urologie spezialisiert hat. LoFric aktuell sprach mit Dr. Jud über die Herausforderung für die Patienten und die Phasen der Rehabilitation.

LoFric aktuell: Herr Dr. Jud, Sie arbeiten im Rehabilitationszentrum Häring mit querschnittgelähmten Patientinnen und Patienten. Was genau ist dabei Ihre Aufgabe als Urologe?

Dr. Thomas Jud: Querschnittgelähmte Patienten leiden an unterschiedlich ausgeprägten Harnblasen- und Mastdarmentleerungsstörungen, welche einerseits mit unwillkürlichem Harnverlust einhergehen, andererseits eine potentielle Gefahr für die Nieren darstellen, da ein Überdruck in der Harnblase einen Reflux zu den Nieren verursachen kann, der zu einer Schädigung führt. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, diesen Schaden zu verhindern.

LoFric aktuell: Zu welchem Zeitpunkt / in welchem Stadium ihres Weges kommen die Patienten zu Ihnen?

Dr. Thomas Jud: Nach der Verletzung des Rückenmarks kommt es zum sogenannten spinalen Schock mit Lähmung aller Funktionen unterhalb der Läsionshöhe. Die Behandlung in dieser Akutphase findet meistens im behandelnden Erstkrankenhaus statt. Im Anschluss daran findet die weitere Betreuung an unseren Zentren statt. Bei den meisten Patienten sind regelmäßige Blasendruckmessungen durchzuführen und eine lebenslange neuro-urologische Begleitung ist unumgänglich.

LoFric aktuell: Wie geht es Ihren Patienten körperlich und psychisch, wenn sie ins Rehazentrum kommen?

Dr. Thomas Jud: Betrachten wir zuerst die erste Phase der Rehabilitation, also den Eintritt der Lähmung, die Einlieferung ins Spital und die ersten Wochen in der Klinik, in der die Erhaltung des Lebens des Frischverletzten im Mittelpunkt steht. In der zweiten Phase, früher als "Liegephase" bezeichnet, wechselt beim Patient die Hoffnung auf Genesung mit tiefer Traurigkeit, wo dem Patienten der Verlust von bisher selbstverständlichen Körperfunktionen bewusst wird. Wenn Patienten zu uns kommen, ist meist die dritte Phase der Rehabilitation erreicht. Darunter ist die Mobilisierung des Patienten zu verstehen. Es geht anfänglich "aufwärts"; der Patient kann nun aufsitzen, das Personal steht nun nicht mehr über, sondern neben ihm. Es folgt aber meist eine schwere Enttäuschung. Das ersehnte Aufsitzen und das folgende Sitzen im Rollstuhl lassen den Patienten seine Behinderung nun auf unmissverständliche Art und Weise erleben.

LoFric aktuell: Was "lernen" die Patienten im Rehabilitationszentrum für die Zeit und den Alltag danach? Wie werden sie medizinisch und mental darauf vorbereitet?

Dr. Thomas Jud: Rehabilitation von querschnittgelähmten Menschen bedeutet nicht unbedingt die Wiederherstellung körperlicher Funktionen, sondern das Erlernen von Fähigkeiten, um mit der veränderten Lebenssituation zurechtzukommen. Man spricht danach von medizinischer, beruflicher und sozialer Rehabilitation, die schließlich zur Reintegration des Patienten beitragen soll. Dazu steht ein interdisziplinäres Team zur Verfügung.

LoFric aktuell: Zu welchem Zeitpunkt / in welchem Stadium ihres Weges verlassen die Patienten das Rehazentrum?

Dr. Thomas Jud: Rehabilitation endet nicht mit der Entlassung aus dem Rehazentrum. Im Idealfall ist der Patient dazu in der Lage, seinen Alltag ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Diese Fähigkeiten müssen in Zusammenarbeit mit dem engsten Umfeld erhalten und ausgebaut werden. Die Aufenthaltsdauer der Erstrehabilitation kann bis zu acht Monaten betragen. In diesem Zeitraum werden auch Adaptierungen der häuslichen Umgebung vorgenommen.

LoFric aktuell: Was ist aus medizinischer Sicht das Wichtigste, was Sie und Ihre KollegInnen einem Patienten mit einer - häufig frischen - Querschnittlähmung vermitteln, mitgeben können?

Dr. Thomas Jud: Um als Para- oder Tetraplegiker gesund zu bleiben und eine durchschnittliche Lebenserwartung zu erreichen, ist es notwendig, erlernte Maßnahmen zur Druckentlastung der Haut, Lagerung und körperschonendes Krafttraining etc. durchzuführen und Signale des Körpers richtig zu deuten und ernst zu nehmen sowie darauf entsprechend zu reagieren.

LoFric aktuell: Was ist aus Ihrer Sicht neben der fachärztlichen Expertise das Wichtigste, was Sie und Ihre KollegInnen einem Patienten mit einer - häufig frischen - Querschnittlähmung für die Zeit nach der Rehabilitation vermitteln, mitgeben können / möchten?

Dr. Thomas Jud: Das Ausmaß der bleibenden Einschränkungen ist unterschiedlich. Sich an ein Leben mit Krücken oder im Rollstuhl zu gewöhnen, dauert jedenfalls länger als ein Rehabilitationsaufenthalt. Diese Neuorientierung des Lebens betrifft sowohl die Patienten als auch deren nächste Angehörige. Schwierige Phasen können durch fachliche Unterstützung des Rehabilitationsteams, persönliche Kontakte und Vorbilder unter den Patienten oder in Selbsthilfegruppen überwunden werden. Eine Abklärung in den verschiedenen Rehabilitationsbereichen und das Wissen über Entwicklungen in der Rehabilitation von Querschnittgelähmten geben uns die Möglichkeit, Maßnahmen zu setzen, um die Lebensqualität dauerhaft zu erhalten.

Schlaf und Querschnittlähmung

(Entnommen aus Paracontact 1/2016)
(Von Dr. med. Hans Georg Koch, Angewandter Wissenstransfer)

 

Eigentlich denkt man, dass diese beiden Begriffe nichts miteinander zu tun haben. Bei näherer Betrachtung kommen dann aber entscheidende Zusammenhänge ans Tageslicht. Auswertungen bezüglich Gesundheitsproblemen der Rollstuhlfahrer aus der Schweizer Kohortenstudie (SwiSCI) zeigen, dass 2/3 der Befragten an verschiedensten Schlafproblemen leiden. Dies ist ein weitaus grösserer Anteil als die etwa 33 % der Normalbevölkerung, die man erwarten würde. Tetraplegiker sind davon besonders betroffen. Schlafprobleme sind breit gefächert, es gibt über 70 verschiedene Schlafstörungen, und nicht alle Formen sind auf eine Querschnittlähmung zurückzuführen.

Äussere Einflüsse

Grundsätzlich lässt sich relativ einfach verstehen, dass eine querschnittgelähmte Person geringere körperliche Aktivität ausübt und oft auch aus Gründen der Abhängigkeit von Drittpersonen länger im Bett verbringen muss. Mit eingeschränkter körperlicher Beanspruchung braucht man auch weniger Erholungszeit und damit weniger Schlaf, obwohl man z.B. von der Spitex schon früh zu Bett gebracht wird und erst spät am Morgen wieder aufstehen kann.

Häufig ist der Schlafrhythmus auch durch Massnahmen zur Dekubitusprävention oder -behandlung gestört (regelmässige Umlagerungen) oder weil man eventuell nachts mehrmals katheterisieren muss. Dies führt zu Unterbrüchen des normalen Ablaufs der Schlafphasen und zu schlechterer Schlafqualität. Die Querschnittlähmung führt aber auch durch den teilweisen Ausfall der Innervation des Körpers und durch die oft notwendige dauernde medikamentöse Behandlung zu spezifischen Schlafstörungen.

Schlafapnoe-Syndrom

Apnoe entstammt dem Griechischen und bedeutet das Aussetzen der Atmung. Bei einer Schlafapnoe kommt es während dem Schlaf zum Atemstillstand. Ein Schlafapnoe-Syndrom kommt bei Personen mit Querschnittlähmung weit häufiger vor als in der Normalbevölkerung. Etwa 60 % der Tetraplegiker leiden daran. Man unterscheidet zwischen einem zentralen (eher selten) und einem obstruktiven (häufig) Schlafapnoe-Syndrom. Zudem gibt es Mischformen der beiden Störungen.

Beim zentralen Schlafapnoe-Syndrom liegt die Ursache in der Steuerung der Atmung. Das zentrale Nervensystem (=Gehirn und Rückenmark) "vergisst" zu atmen und es kommt zu einem Atemstillstand. Beim obstruktiven Apnoe-Syndrom kommt es zu einer Verlegung der Atemwege (=Obstruktion) durch das Gaumensegel (beim Schnarchen) oder durch die Zunge, die nach hinten fällt, wenn sich die Muskulatur des Nasenrachenraums im Schlaf entspannt.

Medikamente wie Baclofen, Benzodiazepine, Opiate und Alkohol fördern die Erschlaffung. Übergewicht, grosser Halsumfang, männliches Geschlecht und zunehmendes Alter sind Risikofaktoren für ein obstruktives Schlafapnoe-Syndrom. Zudem führen die anticholinergischen Medikamente zur Behandlung der Spastik zu trockenen Luftwegen, was die Atmung zusätzlich beeinträchtigt.

Bei beiden Formen der Schlafapnoe kommt es wiederholt zum Atemstillstand (bis zu 30 Mal/Std). Der Körper reagiert auf den Sauerstoffmangel mit Stress. Die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen an, während der Sauerstoff im zirkulierenden Blut abnimmt. Schliesslich erwacht der Patient, atmet wieder normal und schläft rasch wieder ein. Wenn er sich nicht selbst umlagern kann (z.B. Seitenlage), beginnt dieser Zyklus von neuem, sobald er wieder eingeschlagen ist.

Als erste orientierende Untersuchung wird während des Schlafes die periphere Sauerstoffspannung im Blut mit einem Fingerclip (Pulsoxymeter) gemessen, aufgezeichnet und ausgewertet. Die Sauerstoffkonzentration sollte eigentlich nicht signifikant absinken, sonst muss eine Untersuchung im Schlaflabor vorgenommen werden. Dazu muss eine Nacht im Spital verbracht werden.

Melatonin

Melatonin ist das Schlafhormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Es wird in der Zirbeldrüse (Epiphyse) produziert. Licht hemmt die Produktion, während Dunkelheit die Bildung von Melatonin fördert. Die Signale zur Produktion von Melatonin laufen von Nukleus suprachiasmaticus (=innere Uhr) über das Rückenmark zum Ganglion cervicale superius, einem Nervenknoten des sympathischen Nervensystems am Hals und von dort zur Hirnanhangsdrüse. Bei einer Tetraplegie (Unterbrechung des Rückenmarks im Halsbereich) fällt also die Regelung durch die innere Uhr aus und es kommt zwangsläufig zu Schlafproblemen wegen Mangel an Melatonin. Die Schlafdauer ist verkürzt und die Zeit bis zum Eintritt der Tiefschlafphase wird verlängert. Dies zeigt sich auch daran, dass man bei Tetraplegiker keine Abbauprodukte von Melatonin mehr im Urin nachweisen kann. Das gleiche beobachtet man auch bei einem Drittel der blinden Menschen. Die Einnahme von Melatonin kann daher die Schlafqualität bei diesen Personen verbessern.

Folgen es gestörten Schlafes

Schlechter und ungenügender Schlaf äussert sich in Tagesmüdigkeit, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Sekundenschlaf (=Unfallgefahr). Der dauernde Stress durch den Sauerstoffmangel bei Schlafapnoe führt zu Hypertonie (Bluthochdruck) und erhöhtem Herzinfarktrisiko. Das Dekubitusrisiko steigt, wenn man im Rollstuhl einschläft.

Die mangelnde Sauerstoffkonzentration nachts führt zu ungenügender Erholung der Gewebe (z.B. Haut) und schlechter Wundheilung. Schmerzen werden verstärkt wahrgenommen, depressive Episoden häufen sich und später kommt es auch zu Gedächtnisstörungen und Demenz infolge Schädigung des Gehirns durch chronischen Sauerstoffmangel. Das Immunsystem wird beeinträchtigt und es kommt zu gehäuften Lungeninfekten.

Therapie

Diese Langzeiteffekte können durch eine kontinuierliche Aufrechterhaltung der Sauerstoffversorgung während des Schlafes vermieden werden. Schlafen in Bauchlage verhindert Schnarchen. Wenn man auf dem Rücken schläft, hilft in vielen Fällen auch eine Zahnspange, die den Unterkiefer nach vorne zieht oder eine Gaumenspange, die das Gaumensegel stabilisiert und das Schnarchen verhindert.

Die nächste Stufe der Behandlung der Schlafapnoe wäre ein CPAP-Gerät (Continous Positive Airway Pressure), das über eine Maske einen konstanten Überdruck im Nasen-Rachen-Raum erzeugt, damit die muskulären Wände aufgespannt bleiben. Ein gemischtes oder zentrales Schlafapnoe-Syndrom muss mit einem BiPAP-Gerät (Biphasic Positive Airway Pressure) behandelt werden, das den Druck zwischen Einatmung und Ausatmung wechselt und damit die Atemmuskulatur zusätzlich aktiv unterstützt. Das Gerät kann auch die "vergessenen" Atemzüge nachliefern und eine Atempause überbrücken.

Die Patienten müssen sich bei beiden Geräten an das Tragen einer Gesichtsmaske zum Schlafen gewöhnen. Es lohnt sich, verschiedene Masken-Modelle auszuprobieren und es braucht viel Zeit und Geduld, bis alles ideal eingestellt ist. Die Lebensqualität verbessert sich aber wesentlich.

Was kann man sonst noch für einen gesunden Schlaf tun?

Gängige Ratschläge, um Schlafstörungen zu vermeiden, sind: Das Schlafzimmer sollte der ruhigste Raum der Wohnung sein. Die Temperatur auf angenehmen Wert einstellen. Die Temperaturregulation ist bei Querschnittgelähmten oft gestört. Vor dem Zubettgehen lüften.

  • Schlafhygiene: Entweder arbeiten oder schlafen. Nicht im Bett mit dem Smartphone herumspielen, nicht Fernsehen, das Gehirn muss herunterfahren können. Dazu helfen Entspannungstechniken oder entspannende Musik. Licht löschen!
  • Wecker/Uhr verstecken, damit man nicht dauernd nach der Zeit schauen kann.
  • Einen regelmässigen Schlafplan einhalten: jeden Tag etwa zur gleichen Zeit ins Bett gehen und etwa gleich lange schlafen, damit sich die innere Uhr nicht verstellt (wie z.B. bei Jetlag).
  • Vor dem Schlafengehen keine Stimulantien einnehmen, Kaffee, Cola, Grüntee, anregende Medikamente usw. Kein Alkohol und kein Nikotin am Abend. Eventuell Orangenblütentee, Baldriantropfen oder Milch mit Honig trinken.
  • Richtiges Flüssigkeitsmanagement hilft, mehrfaches Katheterisieren in der Nacht zu vermeiden. Die Ausschüttung von ADH (AntiDiuretisches Hormon) ist bei Querschnittgelähmten gestört, nachts wird mehr Urin produziert.
  • Schlafabklärung im Schlaflabor bei Verdacht auf Schlafapnoe-Syndrom und entsprechende Behandlung.
  • Tagsüber dauernd wach bleiben, kein Mittagsschläfchen!
Cannabis auf Rezept - Verwendung in der Medizin

(Entnommen aus Paracontact 4/2015)
Von Teresa Brinkel, Verantwortliche für Kommunikation der Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI)

In der SwiSCI Studie wurde festgestellt, dass ungefähr 7% der querschnittgelähmten Menschen in der Schweiz Cannabis konsumieren. Das ist 6-mal mehr als in der Gesamtbevölkerung.[1]

Die Autoren vermuten, dass dies auf die spastik- und schmerzreduzierende Wirkung des Cannabis zurückzuführen ist.

Cannabispflanze (c) Wikipedia

Cannabis in der Medizin

Bereits seit 20 Jahren wird weltweit mit Cannabis als Arzneistoff geforscht. Dies hat dazu geführt, dass das Schweizerische Betäubungsmittelgesetz eine entscheidende Änderung erfahren hat: Seit Juli 2011 ist Cannabis für medizinische Zwecke grundsätzlich erlaubt. Ärzte können unter bestimmten Auflagen oral zu verabreichende Präparate verschreiben.[2]

Cannabis hat ein vielseitiges Wirkspektrum: Es wird angewendet bei Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung bis hin zu Spastik, Schmerzen und neurologischen Indikationen. Ein Vorteil der sogenannten "cannabinolen" Präparate ist, dass sie nicht abhängig machen. Doch Cannabis als Medikament wird kritisch diskutiert. Gegner befürchten eine sich liberalisierende Haltung gegenüber Drogen.[3]

Präparate und Bewilligungsprozess

In der Schweiz werden bisher hauptsächlich zwei Präparate verwendet: 1.) eine Lösung mit dem synthetisch hergestellten Wirkstoff Dronabinol, 2) ein Mundspray aus Extrakten der Hanfpflanze. Für diese Präparate gelten jedoch strenge Auflagen. So muss der verschreibende Arzt für den Patienten eine Ausnahmebewilligung beim Bundesamt für Gesundheit einholen. Zusätzlich ist die Therapie sehr teuer: Patienten müssen pro Tag mit bis zu 30 CHF rechnen. Letztlich führt der aufwendige und teure Prozess dazu, dass viele Patienten illegal Cannabis konsumieren.[4]

Cannabispräparate im SPZ?

Nachgefragt bei Dr. Michael Baumberger, Chefarzt für Paraplegiologie und Rehabilitationsmedizin

Herr Baumberger, was sind Ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von Cannabispräparaten im SPZ? Was berichten Ihnen Ihre Patienten?

Aus meiner Erfahrung kann Cannabis bei neurologischen Erkrankungen und Symptomen wie zum Beispiel Multipler Sklerose, Spastik und Schmerzen gut wirken. Dazu gibt es auch erfolgversprechende internationale Studien. Patienten berichten mir, dass die Wirkung der vollsynthetisch hergestellten Produkte aber eher gering ist. Stattdessen erzielen sie eine bessere Wirkung über das Rauchen von Marihuana. Laut Gesetz ist dies jedoch verboten und die SPG duldet weder den Konsum noch den Handel von Betäubungsmitteln. Wir Ärzte sind also in einer schwierigen Situation: Wir sind einerseits an das Gesetz und klare Weisungen gebunden, andererseits kann das "natürliche" Cannabis bei bestimmten Indikationen gut wirken. In vielen US-Staaten beispielsweise ist Marihuana bereits legal und als Medikament erlaubt. In dieser Diskussion möchte ich aber klar von einer Bagatellisierung abraten, denn wir erleben immer wieder Patienten mit relevanten Nebenwirkungen bis hin zu psychotischen Erkrankungen. Dies ist auch durch Studien belegt.[5]

Vor zirka drei Monaten nahm der Ständerat eine Motion an, die den Weg für eine weitere Erforschung des Cannabis ebnet: In einem wissenschaftlichen Projekt soll nun weiter am natürlichen Cannabis als Heilmittel für verschiedene Krankheitsbilder geforscht werden.[6] Was erhoffen Sie sich davon?

Ich heisse dieses Vorhaben gut und hoffe, dass die Studie die Frage beantworten kann, warum der gerauchte natürliche Cannabis so viel besser wirkt als die synthetischen Präparate. Ich verspreche mir weiterhin mehr Erkenntnisse zur Frage der Dosierung, also in welcher Konzentration Cannabis sinnvoll eingesetzt werden kann, ohne dass die Belastung durch Nebenwirkungen zu hoch wird. Für Patienten müsste ein neues Präparat in jedem Fall kostengünstig sein. Sobald ein natürliches Präparat vom Gesetz erlaubt ist wird, würden wir es im SPZ sicher einsetzen. Ich bin deshalb sehr gespannt, was die Studie an Ergebnissen und Empfehlungen hervorbringt.

Herr Baumgartner, besten Dank für dieses Interview!


[1] Christine Fekete, Simone Weyers, Johannes Siegrist, Gisela Michel, Armin Gemperli: Poor nutrition and substance use in a Swiss cohort of adults with spinal cord injury.Journal of Public Health, February 2015, Volume 23, Issue 1, pp 25–35

[2] Manfred Fankhauser: Cannabis – eine neue (wiederentdeckte) Therapieoption. pharmaJournal 18, 9.2012, pp 29–31

[3] Claudio Agustoni, SRF Gesundheitswesen, 27.3.2014: www.srf.ch/gesundheit/ gesundheitswesen/cannabis-als-arznei-kaum-umstritten-kaum-genutzt

[4] Informationen zu den Auflagen und Kosten bei einer Apotheke, die Dronabinol in der Schweiz herstellt: www.panakeia.ch/dronabinolcannabis.html

[5] Suzanne H. Gage, Matthew Hickman, Stanley Zammit: Association Between Cannabis and Psychosis: Epidemiologic Evidence. Biol Psychiatry. 2015 Aug 12

[6] Informationen zum geplanten Projekt: www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20144164

Therapie der Spastik bei Querschnittlähmung

(von Dr. med. Hans Georg Koch, Angewandter Wissenstransfer, aus Paracontact 4/2014)

In der letzten Ausgabe des Paracontacts haben wir erklärt, wie Spastik entsteht und welche positiven wie negativen Aspekte damit einhergehen. Im folgenden Artikel geht es nun um die Therapie.

Eine Behandlung der Spastik muss klare Ziele haben, die zwischen Arzt und Patient vereinbart werden. Die Spastik soll gesenkt und Schmerzen vermieden werden. Die funktionellen Fähigkeiten und damit die Mobilität des Betroffenen werden verbessert. Es geht darum, Kontrakturen zu vermeiden, die Pflegbarkeit und Hygiene zu verbessern und nicht zuletzt eventuell eine Rehabilitation erst zu ermöglichen.

Nicht jede Spastik muss behandelt werden. Oft sind die Folgen der Nebenwirkungen (z. B. eingeschränkte Verkehrstauglichkeit) einschneidender als die Spastik selbst. Man darf auch nicht erwarten, dass durch eine Behandlung die Spastik ganz zum Verschwinden gebracht werden kann. Es wird immer ein Abwägen zwischen Gewinn für den Patienten und Beeinträchtigung durch die Nebenwirkungen sein. Man muss den goldenen Mittelweg finden.

Stufe 1: Prävention

Oft ist die Spastik von irgendwelchen sensorischen Ereignissen getriggert. Dies kann von Berührung über Schmerzempfindung bis zu akustischen und optischen Sensationen gehen. Beispielsweise wenn jemand die Türe zuknallt. Spastik ist häufig auch ein Zeichen einer gefüllten Blase, eines überdehnten Darmes, eines nicht wahrgenommenen Schmerzreizes im gelähmten Bereich (z. B. Decubitalgeschwür) oder einer Infektion (Blase, Nebenhoden usw.).

Die allereinfachste Behandlung besteht darum im Vermeiden dieser Zustände und Ereignisse. Das verursacht keine Kosten, hat keine Nebenwirkungen und kann von jedem selbst angewendet werden. Bevor man beginnt, die Spastik zu behandeln, sollte man versuchen, die möglichen Ursachen zu eliminieren.

Stufe 2: Lagerungsmethoden, physikalische Methoden

Es gibt verschiedene antispastische Lagerungsmethoden (z. B. Schneidersitz), die die Spastik reduzieren und deren Effekt auch noch Stunden nach der Anwendung wirkt. Mit physikalischen Methoden wie Sauna oder Schwimmbad oder mittels Hippotherapie lässt sich die Spastik vermindern. Häufig ist der Effekt über einige Stunden anhaltend und trägt wesentlich zum besseren Wohlbefinden des Betroffenen bei. Stehtraining kann die Spastik positiv beeinflussen. Es wird auch berichtet, dass eine transcutane Elektrostimulation positive Effekte generiert, die Forschung darüber ist aber noch im Gange. Durch die Veränderung der Sitzposition im Rollstuhl kann das Problem ebenfalls positiv beeinflusst werden. Anzustreben ist ein 90°-Winkel in Hüfte und Knie bei leichter Kantelung der Sitzfläche (leicht nach hinten gekippt). Auch neue Therapieformen wie Gehen im Lokomat oder in Exoskeletten scheinen in der Lage zu sein, Spastik vorübergehend zu reduzieren.

Stufe 3: Physiotherapie

Spezielle physiotherapeutische Übungen können die Spastizität deutlich reduzieren (z. B. Physiotherapie nach Vojta). Ziel ist die Hemmung pathologischer Bewegungsmuster und die Verminderung der Beugespastik der oberen Extremitäten sowie der Streckspastik an den Beinen. Stretching der Muskulatur verhindert eine strukturelle Verkürzung und regelmäßiges Durchbewegen erhält die passive Beweglichkeit der Gelenke. Ideal wäre eine Erhaltungstherapie mit ein- bis zweimal Physiotherapie pro Woche und täglichen Selbstübungen.

Stufe 4: Orale medikamentöse Behandlung

Bei stärkerer Spastik und bei wesentlicher Beeinträchtigung im täglichen Leben muss an eine medikamentöse Therapie gedacht werden. Objektive Gründe dafür sind:

  • Die Spastik verunmöglicht die Intimpflege am Patienten;
  • Die Spastik verursacht Druckstellen;
  • Dies Spastik stellt eine Verletzungsgefahr dar;
  • Die Spastik verhindert die Partizipation am täglichen Leben;
  • Die Spastik verursacht so starke Schmerzen, dass diese mit Schmerzmitteln behandelt werden müssten.

Die meisten Medikamente dämpfen die Aktivität von Hirn und Rückenmark, was sich bezüglich Spastik positiv auswirkt. Auf der anderen Seite führt dies auch zu Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Schläfrigkeit und Blutdruckabfall sowie Muskelschwäche auch der nicht gelähmten Muskulatur. Die Stehfähigkeit und Gehfähigkeit bei inkomplett gelähmten Patienten wird dadurch beeinträchtigt. Es kann sich eine ungünstige Sitzposition im Rollstuhl entwickeln, die zu sekundären Schäden und Einschränkung der Mobilität und Selbständigkeit führt.

Man muss sich bewusst sein, dass keine der vom Arzt verschriebenen Substanzen die Spastik vollständig beseitigen, noch die Kraft der betroffenen Muskeln verbessern kann. Die Spastik ist zwar medikamentös kontrolliert, die Kraft im nicht gelähmten Bereich des Körpers nimmt jedoch ab. Die Wahl und Dosierung dieser Substanzen sollte deshalb gut überlegt und abgewogen werden, da alle wirksamen Medikamente auch empfindliche Nebenwirkungen hervorrufen können.

Stufe 5: Invasive Methoden

Botulinumtoxin kennen wir heute eher aus der kosmetischen Industrie als aus der Medizin. Bei der Behandlung von lokaler Spastik einzelner Muskeln oder Muskelgruppen leistet es jedoch einen ausgezeichneten Beitrag zur Verbesserung der Funktion.

Botulinumtoxin ist ein starkes Gift, welches die Übertragung der Nervenimpulse auf den Muskel blockiert. Dadurch kommt es zur Schwächung des Muskels, je nach Dosis sogar bis zur kompletten Lähmung. Die Dauer bis zum Wirkungseintritt nach lokaler Injektion beträgt einige Tage und die Wirkung hält für 3 bis 4 Monate an. Kurzfristige Nervenblockaden können auch mit Lokalanästhetika erreicht werden.

Stufe 6: Intrathekale Administration

Damit eine bessere Wirkung mit geringerer Dosis erreicht werden kann, werden heute verschiedenen Substanzen (Baclofen, Morphium usw.) auch über implantierbare Medikamentendosierpumpen direkt in die cerebrospinale Flüssigkeit (Hirnwasser) in welcher das Rückenmark schwimmt, abgegeben. Dadurch ist es möglich, Verluste bei der Resorption im Magen, bei der Filtrierung durch die Leber und das Hindernis der Blut-Hirn-Schranke zu umgehen. Mit einem Bruchteil der sonst notwendigen Dosis kann man so den gleichen oder sogar einen besseren Effekt erreichen. Die Nebenwirkungen sind bei geringeren Dosen auch entsprechend reduziert.

Bevor man sich zu einer solchen Maßnahme entschließt, sollte man den Effekt einige Tage mit einem vorübergehend durch die Haut gelegten intrathekalen Katheter (Cospan- Katheter) und einer externen Pumpe testen. Damit lässt sich sehr gut herausfinden, mit welcher Dosis eine gute und für den Patienten akzeptable Wirkung erreicht werden kann.

Nach Implantation einer Pumpe muss diese je nach Verbrauch alle 3 Wochen bis alle 3 Monate wieder aufgefüllt werden. Dies geschieht durch einen Stich mit einer Kanüle durch die Haut bis ins Reservoir der Pumpe. Die Batterie der Pumpe hält etwa 4 bis 5 Jahre, dann muss das ganze Aggregat chirurgisch ausgetauscht werden. Bei Überdosierung beobachtet man Schläfrigkeit, Benommenheit, schlaffe Muskulatur, Übelkeit, Schwindel. Eine Unterdosierung ist durch Fehlfunktion der Pumpe oder durch Abknicken, Leckage oder Fehllage des Katheters möglich.

Stufe 7: Orthopädische Korrekturen

Die orthopädischen Eingriffe zielen vor allem darauf ab, die Muskelkontrakturen zu korrigieren, damit der Patient wieder im Rollstuhl sitzen kann. Zur vereinfachten Intimpflege können verschiedene Tenolysen (= Durchschneiden der Sehnen) von Muskeln der Adduktorengruppe durchgeführt werden.

Spastik führt längerfristig auch zur Deformation der Wirbelsäule (Skoliose). Wenn die Maßnahmen der Physiotherapie nicht mehr greifen und die Positionierung im Rollstuhl (Sitzschale) fehlschlägt, kommen die Wirbelsäulenchirurgen zum Zuge und müssen Korrektureingriffe durchführen, um eine schmerzfreie Sitzposition wieder herzustellen.

Stufe 8 Neurochirurgische Eingriffe

Eine neurochirurgische Behandlung der Spastik kommt heute nur noch in sehr ausgewählten und seltenen Fällen vor. Durch bessere Medikamente kann man meist auf diese destruierenden, meist nicht reversiblen Operationen und die dadurch verursachten gezielten Nervenläsionen verzichten. Die Unterbrechung der sakralen Spinalnerven zur Therapie der Blasenspastik wird jedoch von den Urologen bei der Implantation eines Blasenstimulators praktiziert.

 Bei allen Stufen ist es entscheidend, dass Arzt und Patient ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren und eine Verbesserung der Lebensqualität resultiert.
Querschnittlähmung

Durch einen Luxations- oder Kompressionsbruch bzw. durch die Zertrümmerung einer oder mehrerer Wirbelkörper als Folge eines Unfalls, einer Operation oder einer Erkrankung wird das Rückenmark derartig geschädigt, dass eine Lähmung des gesamten motorischen und sensiblen Nervensystems von der Bruchstelle abwärts entsteht. Dazu gesellt sich eine Blasen- und Mastdarmlähmung.

Das Gesagte gilt primär für die sogenannten kompletten, nicht aber für die inkompletten Lähmungen, bei denen entweder das sensible oder das motorische Nervensystem nur teilweise geschädigt ist. Der Grad der Behinderung ist also weitestgehend von der Höhe der Läsion, das heißt vom verletzten Wirbelkörper abhängig. Ebenso spielen die verbleibenden Bewegungsmöglichkeiten eine große Rolle.

Aber immer werden gesunde, voll im Leben stehende Menschen in Sekundenschnelle zu teilweise oder komplett gelähmten Menschen und damit aus ihrem bisherigen Alltagsleben gerissen.

Neben dem Schock, diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten, ist der Betroffene gefordert, sich durch verschiedene Rehabilitationsmaßnahmen wieder auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Die Rehabilitation erfolgt in Österreich derzeit in folgenden Zentren:

  • Rehabilitationsklinik Tobelbad bei Graz
  • Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg bei Wien
  • Rehabilitationszentrum Bad Häring in Tirol

In all diesen Zentren wird der Patient darauf vorbereitet, den Weg zurück in das "normale" Alltagsleben zu finden und weiterhin ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu bleiben. Das beginnt bei den oftmals notwendigen Umbauten im häuslichen Bereich, Stufen müssen durch Rampen, Aufzüge etc. überbrückt werden. Es geht weiter mit Maßnahmen, um den Patienten wieder in den Arbeitsprozess eingliedern zu können und endet nicht zuletzt mit technischen Umbauten, um wieder ein Auto lenken zu können.

In all diesen Bereichen gibt es seit der Gründung unseres Verbandes im Jahr 1957 erfreuliche Fortschritte.

Behandlung urologischer Probleme

(Prof. Dr. Hans-Peter Jonas)

Seit 1971 war ich als aufstrebender Unfallchirurg im UKH Meidling der AUVA. 1973 wurde das Rehabilitationszentrum Häring eröffnet und erstmals durch Prof. Dr. Madersbacher, damals junger Urologe von der Klinik Innsbruck, ein Konzept der lebenslangen Betreuung auf urologischem Sektor inauguriert. Zuvor hat es natürlich in Tobelbad ebenfalls alle Erkenntnisse der urologischen Betreuung gegeben, aber die fachurologische dauernde Betreuung, etwa auch mit einer neuro-urologischen Ambulanz, wurde von Prof. Madersbacher geschaffen.

Nachdem dies in Bad Häring eingeführt wurde, habe ich dann im Unfallkrankenhaus Meidling mit bescheidenen Mitteln einzelnen Querschnittgelähmten s.g. Urochecks zukommen lassen, dies vor allem bei Arbeitsunfallversehrten.

1985 habe ich dann aus meinem, zugegebenermaßen interessanten Hobby als Betreuer der Querschnittgelähmten und Amputierten im Raume Wien, meinen Hauptberuf gemacht und bin als ärztlicher Leiter des Rehabilitationszentrums Häring bestellt worden. 

Auf dem Gebiet der Urologie, gab es in den frühen 80-iger Jahren sensationelle Entwicklungen. Es war zuvor eigentlich nur das Katheterisieren und das Klopfen wichtig - und wenn das nicht wirklich gelangt hatte, dann wurde eben sphinkterotomiert; plötzlich konnte mit dem Brindley Stimulator auch eine annähernd normale Harnentleerung einer Blase stimuliert werden.

Die Kosten des Brindley-Stimulators waren enorm, die Implantation durch Konsiliarärzte teuer. Es war gar nicht leicht, allen Kostenträgern und natürlich auch meinen Vorgesetzten klar zu machen, dass hier eine Revolution stattfand.

Erst große ausländische Zahlen, etwa aus der Werner Wicker-Klinik in Wildungen, konnten die maßgeblichen Herrschaften überzeugen, dass der Brindley-Stimulator ein Segen für die Patienten sein konnte.

In den 80-iger und 90-iger Jahren wurde auch mit der Einführung moderner und neuerer Materialien die Situation des Katheterismus entscheidend verbessert. Vor allem die beschichteten weichen Silikonkatheter, die ausgesprochen harnröhrenfreundlich sind, haben hier eine Revolution bedingt.

Bis zum heutigen Tag sind diese Katheter von vielen österreichischen Kostenträgern nicht gewünscht - und man muss jedes Mal, wenn man einen solchen Katheter indiziert, Bettelbriefe an die entsprechenden Stellen schicken.

 

Womit wir bei der Inkontinenz wären.

Zum Thema Inkontinenz gibt es natürlich eine ganze Reihe von manchmal auch regionalen Unzukömmlichkeiten.

Dass ein Patient Stuhl- und Harn inkontinent ist und zur Sicherheit Einlagen im Bett braucht, um nicht regelmäßig das Bett und die Bettwäsche zu beschmutzen, ist offensichtlich vielen Kostenträgern bis zum heutigen Tag nicht einsehbar. Inkontinenzhilfsmittel werden für Querschnittgelähmte immer wieder abgelehnt bzw. sind aus den Hilfsmittellisten verschwunden.

Angesichts der Zahl der Querschnittgelähmten in Österreich und ähnlicher Patienten, sind die Kosten hiefür, auch gemessen am Gesamtbudget der Kostenträger natürlich verschwindend und die Argumentation aus dem Kostenbereich daher nicht glaubwürdig.

Querschnittgelähmte müssen in bestimmten regelmäßigen Abständen sowohl gesundheitlich als auch vor allem urologisch untersucht werden. Einmal eingetretene Schäden, wie massive Veränderungen des Urogenitaltraktes oder allfällig Decubitus kosten die Allgemeinheit dann im Vergleich dazu wesentlich mehr.

Das Nervensystem des Menschen

(Heinz Gardavsky)

Im menschlichen Körper findet man das zentrale und das periphere Nervensystem, sowie das vegetative Nervensystem. Letzteres kann weitgehend nicht willentlich gesteuert werden. Es ist unter anderem für unsere Organe und Organsysteme zuständig, steuert den Wasserhaushalt und auch die Verdauung. Selbst bei Bewusstlosigkeit übt das vegetative Nervensystem noch seine Funktion aus. Neben den überlebenswichtigen Vitalfunktionen kontrolliert es das Herz sowie die innere Augenmuskulatur oder die Blase und unsere Geschlechtsorgane. Es ist ständig aktiv und sorgt dafür, dass der Mensch sich schnell an alle äußeren Bedingungen anpassen kann.

Das zentrale Nervensystem (ZNS) besteht aus den Gehirn und dem Rückenmark. Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst jenen Teil, der außerhalb des ZNS gelegen ist. Eine starre Abgrenzung beider Systeme ist aus funktioneller Sicht nicht sinnvoll, da Nerven, die sich für die Motorik verantwortlich zeigen, vom ZNS, wo die eigentliche Information verarbeitet wird, gesteuert werden. Hier werden bewusste Reaktionen, z.B. schneller gehen oder Beifall klatschen ausgelöst. Unbewusste Abläufe, wie etwa das Zurückziehen der Hand, wenn man etwas Heißes berührt, nennt man Reflexe.

Um eine präzise Bewegungskoordination durchführen zu können, braucht unser Körper ein intaktes Nervensystem. Das gilt auch für die Sensibilität, also den Gefühlen, etwas zu spüren. Ganz gleich ob kalt, heiß oder Schmerz, die Nervenzellenkommunikation von Gehirn bis zur Haut über Muskel muss einwandfrei gegeben sein. Ist etwa das Rückenmark geschädigt, sei es durch Unfall oder Krankheit, kann es sein, dass der Mensch weder etwas in den Extremitäten spürt oder aber Gliedmaßen nicht bewegen kann. Davon kann jeder Rollstuhlfahrer wohl ein Lied singen. Auch zerebrale Schädigungen können solche Symptome hervorrufen.

Das Störungsbild einer Querschnittlähmung hängt davon ab, in welchem Ausmaß und welcher Höhe das Rückenmark beschädigt ist. Die Nervenbahnen können entweder gequetscht oder unterbrochen sein, meist ist ein Wirbelbruch vorhergegangen. Ist die Nervenbahn dabei vollständig durchtrennt worden, hat das eine komplette motorische Beeinträchtigung zur Folge. Der Mediziner benennt das "Plegie" oder komplette Querschnittslähmung. Es fehlt die Muskelkraft und das Empfindungsvermögen. Ist noch eine Restmotorik oder Restsensibilität vorhanden spricht man von einer inkompletten Lähmung oder "Parese".

Dazu möchte ich noch die Begriffe "Para" und "Tetra" kurz erklären, die sich auf die betroffenen Gliedmaßen beziehen. Bei Verletzungen in der Höhe der Lendenwirbelsäule sind die Beine, Rumpf und meist die Beckenorgane betroffen (Para). Nach Schädigungen des Rückenmarks in Brusthöhe kommt es zu einer Beeinträchtigung aller Gliedmaßen (tetra = vier), daher spricht man dann von "Tetraplegie" oder "Tetraparese".

Sollte es zu Verletzungen des 4. oder 5. Halswirbels kommen, kann der gesamte Körper vom Hals abwärts gelähmt sein, wie es beim "Wetten-dass-Unfall" geschehen war.

Kinderlähmung

Die Kinderlähmung ist eine Infektionskrankheit, die die Nervenzellen des Rückenmarks befällt. Dies führt zu Lähmungserscheinungen, die mit einer Querschnittlähmung vergleichbar sind.

Etwa ab 1880 trat diese Krankheit in epidemischer Form auf. Betroffen waren vor allem Kinder, die daran verstarben oder mit dauerhaften körperlichen Schädigungen leben mussten. Zu wesentlichen Fortschritten in der Bekämpfung der Kinderlähmung führte 1952 die Einführung eines Impfstoffes, der anfangs nur unzureichend wirkte. Ein etwa 1960 entwickelter Impfstoff führte zu wesentlichen Fortschritten bei der Poliobekämpfung. Heute gilt diese Krankheit laut Weltgesundheitsorganisation WHO als weitgehend ausgerottet.

Viele unserer Mitglieder leiden mehrere Jahrzehnte nach der ersten Infektion unter dem sogenannten Post-Polio-Syndrom. Symptome sind zunehmende Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Muskelschwächen, welche nicht durch andere Ursachen erklärt werden können.

Leben mit inkompletter Querschnittlähmung

Der Verband der Kanadischen Paraplegiker hat einen umfangreichen Ratgeber für das Leben nach einer inkompletten Rückenmarksverletzung herausgegeben, die unser Mitglied Brigitte Welcker übersetzt hat.

Hier gibt es den kompletten Text des Ratgebers Rückenmarksverletzung als PDF-Datei zum Herunterladen.